"Und was macht die Querflöte?"

Das Fensterbrett der Altbauwohnung ist breit und bietet einer Fünfjährigen bequem Platz. Dort sitze ich, zwischen Fenster und Vorhang, und spiele auf der alten Blockflöte meiner Mutter. Immer wieder probiere ich aus dem Gehör die Melodie eines Kinderliedes hinzukriegen...

Drei Jahre später besitze ich eine eigene Blockflöte und habe Notenlesen gelernt. Im Notenbüchlein, schon beinahe zuhinterst, gibt es ein Lied, das mir gut gefällt und das ich schon beinahe auswendig spielen kann. Da ruft meine Mutter aus der Waschküche, ich soll ihr die schmutzigen Küchentücher bringen. Ich beeile mich und nehme die Flöte gleich mit. In der Waschküche spiele ich meiner Mutter das Lieblingslied vor und bin fasziniert vom Klangwunder, das sich bietet: Es klingt wie in einer grossen Kirche!

 

Mit vierzehn Jahren darf ich Querflöte spielen lernen. Zuvor habe ich immer wieder dieselbe Schallplatte mit Flötenmusik von W.A.Mozart gehört. Vermutlich ist die Schallplatte schon ganz abgespielt - es knistert und knackt...Weil mir die Musik und das Flötespielen so gefallen, übe ich viel und erziele schnelle Fortschritte. Nach kurzer Zeit kann ich in einem Laienorchester anlässlich eines Weihnachtskonzerts mitspielen. Zum ersten Mal erlebe ich das Musizieren mit anderen Instrumenten. Geben Celli und Kontrabass einen guten Boden, klingt die Querflöte noch viel, viel schöner!

Solche Erlebnisse rund um die Musik haben mich sehr geprägt und später bei meiner Berufswahl zur Musikerin/Musiklehrerin eine entscheidende Rolle gespielt. Inzwischen unterrichte ich schon seit vielen Jahren und versuche, meinen Schülerinnen und Schülern ähnliche Glücksmomente mit der Musik zu vermitteln, wie ich sie als Kind und Teenager erlebt habe. Und manchmal gelingt dies auch wirklich. Das merke ich, wenn sich der Schüler nach der Stunde verabschiedet hat, und ich höre, wie er vor der Tür die Melodie, die er gerade noch mit mir geübt hat, für sich weiterpfeift. Oder wenn mir eine Schülerin berichtet, dass sie manchmal beim Spielen eines bestimmten Stücks erschrickt, "weil es plötzlich wie von alleine läuft". Und wenn die jüngsten Schülerinnen und Schüler wissen wollen, wann das nächste Schülerkonzert stattfindet, ob es ein bestimmtes Thema gibt, ob sie wieder im Ensemble spielen können oder gar alleine?...(erwartungsvolles Erschauern)...

 

Seit ich selber Kinder habe, welche ein Musikinstrument spielen lernen, erlebe ich, wie schwierig es ist, sie neben Schule, Sporttraining und den Versuchungen von TV und Computer regelmässig zum Ueben zu bringen. Aber ich bemerke auch die Zufriedenheit, wenn nach der Anstrengung des Uebens die Melodie gelingt und sei es auch nur für eine Notenzeile. Oder die Glücksmomente, wenn ein ganzes Stück mit der Playback-CD funktioniert. Zwei- dreimal höre ich plötzlich "The pink Panther" und weiss: jetzt kommt es gut!

 

"Und was macht die Querflöte?"

Wenn ich nach vielen Jahren eine ehemalige Schülerin oder einen Schüler wieder treffe, muss ich natürlich fragen. Da höre ich ganz unterschiedliches. Manchmal verstaubt das Instrument in den Tiefen des Kleiderschrankes. Meistens wird es aber zu bestimmten Anlässen hervorgeholt: Weihnachten, runder Geburtstag der Urgrosstante, Taufe des Gottenkindes... Viele Schüler finden aber ihren Weg mit der Musik, sei es beim entspannenden Musizieren für sich alleine oder mit Gleichgesinnten, oder beim Mitspielen in einem Orchester oder einer Blasmusik.

Eine ehemalige Schülerin, bereits verheiratet und Mutter zweier Kinder, hat mir verraten, dass sie ihren Mann im Blasmusikverein kennengelernt hat...er ist überigens der hübscheste, netteste Schlagzeuger, den es gibt...

Aktualisiert am: 20.Januar 2012 

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